Kurzbeschreibung Spion wider Willen

Zwei Frauen, drei Generationen. Ein Tisch, an dem einst viele Menschen saßen. Ein Mikrofon.
Kurz vor dem Ende ihres Lebens bricht Margarete, die Frau des Spions „Albert“, ihr Schweigen. Sie berichtet von ihrer Emigration 1935 nach Frankreich und davon, wie die Falle der Gestapo kurze Zeit später zuschnappte. Hat der Spion Albert eine bekannte Kommunistin an die Deutschen ausgeliefert? War es Verrat? Was ist wirklich geschehen, damals, im Sommer 1940 in Paris?
Sechzig Jahre später suche und finde ich die Akte des Spions im Archiv. Ein letztes Mal fahre ich mit Margarete nach Paris, sie führt mich zu den Schauplätzen ihrer Jugend. Aus Originalzeugnissen, Erinnerungen und Eingebungen rekonstruiere ich die Geschichte einer großen Liebe und bewegender Emigrantenschicksale in dunkler Zeit.  Sie führt bis in die höchsten Ränge der NS-Täter und bis ins Herz der Stasi. Sie endet bei der Kernfrage meiner Generation, es ist die Frage nach der Schuld und dem Preis des Überlebens.

Viele Jahre lang habe ich um Margaretes Geschichte geworben. Nun ist sie da.


Droste Verlag 2009, ISBN 3770013336

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Leseprobe „Spion wider Willen“

Margarete lernte Gustav Regitz kennen, als sie fünfzehn war. Er hatte sie längst bemerkt, sie war groß und fröhlich, schlank und schwarzhaarig wie ihre Brüder. Er drehte sich zu ihr um und machte mit einer flapsigen Bemerkung auf sich aufmerksam. Gustav Adolf Regitz, Jahrgang 1913, war schmächtig, ein Brillenträger von scharfem Verstand. Er stammte aus einer protestantischen Familie, in der, anders als in Margaretes, die Politik keine Rolle spielte. Der Humor, die rasche Pointe, und die gegenseitige Zuwendung prägten den Alltag dieser siebenköpfigen Familie. Anna Regitz besaß Verstand und einen gesunden Mutterwitz, von beidem profitierten ihre Söhne.

Später am Tag gingen Margarete und Gustav spazieren. Sie schrieben einander Briefe und  Gedichte. Sie besorgten sich einen eigenen postillon d’amour, eine Schülerin, die täglich mit Gustav in der Bahn saß, und die mit Margarete das Lyzeum besuchte. Ihre Botin beförderte krakelige Nachrichten und kleine Zettel von Wellesweiler nach Neunkirchen und wieder zurück. Manchmal korrigierte Regitz die Rechtschreibung seiner jungen Angebeteten und zog sich ihren Zorn zu. Wieder versöhnt, verkrochen sie sich auf dem Dachboden seines Elternhauses und lasen einander Heines Winterreise vor. Er schrieb ihr einen kompletten Deutschaufsatz und sah es als Zeichen mangelnder Einsicht, dass die Lehrerin diesen nur mit einer „Drei“ bewertete.
Als er Margarete zwei Jahre später heulend über einem Waschbottich erwischte, sagte er: Ich hole dich hier raus.
Am 1. Oktober 1932, Margarete war noch keine siebzehn Jahre alt, rissen die beiden aus, sie wollten an die Riviera und kamen bis Brienne, die Stadt, in der Napoleon einst die Militärakademie besucht hatte. Sie wanderten nachts, tagsüber schliefen sie in Scheunen. Einmal sagte er: zu jeder Prämisse gibt es eine Konklusion und einen Trugschluss. Sie saßen auf einem Heuballen, die frische Mahd stieg ihnen in die Nasen. Ich kann nur Dreisatz, antwortete sie. Und Zinsrechnung.
Die Flüchtigen wurden gesucht und gefunden. Mit dem Pferdekarren brachte man sie wieder nach Hause. In beiden Familien überwog die Erleichterung, man war froh, die jungen Leute lebendig und unverletzt zurück zu haben. Margaretes Mutter presste die schmalen Lippen zusammen, als sie ihre Tochter anblickte, doch sie verzichtete auf eine Strafe. Der Vorfall war schwerwiegend genug, mit dem Skandal würde Margarete alleine zurecht kommen müssen. Ihre ehemaligen Freundinnen schnitten sie, sie galt als ein gefallenes Mädchen. Auch die Schuldirektion reagierte. Margarete Schallmo und Gustav Regitz wurden von der Schule verwiesen. Regitz, ein kluger und eigenwilliger Schüler, stand drei Monate vor dem Abitur. Der Rausschmiss machte alle Chancen auf eine Laufbahn in der Verwaltung zunichte. Trotzdem strafte ihn seine Mutter nicht, sie betrachtete die Angelegenheit von der humorvollen Seite. Am 1. Oktober 1933 buk sie einen Kuchen. Für wen ist der, fragte Margarete, die zum Kaffee eingeladen war. Für euch, antwortete Anna Regitz. Sie blinzelte. Heute ist doch euer Jahrestag.
Der Fall ist aktenkundig geworden. Neben den Einträgen in Schulakten und Zeugnisse würde sich später, zu gegebenem Zeitpunkt, auch die Gestapo für jenen frühen Grenzübertritt des Gustav Regitz nach Frankreich interessieren. Regitz, den man wegen seiner politischen Aktivitäten verhörte, stand vor der pikanten Situation, sich zu exkulpieren für ein Ereignis, welches in der Tat privater Natur gewesen war. Die Wahrheit muss wie eine Lüge geklungen haben, damals, sechs Jahre später, im Prinz Albrecht Palais, im Winter 1938. Regitz verlegte sich in der Befragung auf den nächsten Ausweg. Er versuchte, seinem Gegenüber zu imponieren mit seinen frühen amourösen Eskapaden; er setzte sein Sie-wissen-schon-ich-bin-eben-ein-ganzer-Kerl-Gesicht auf und hatte den gewünschten Erfolg. Die Angelegenheit wurde als Jugendsünde verbucht.  Vom 1.-10. Oktober 1932 unternahm ich mit der S c h a l l m o, eine Vergnügungsreise nach Frankreich. Ich versichere, dass es sich bei dieser Reise um eine völlig harmlose Vergnügungsreise handelte und erfolgte der Grenzübertritt legal mit der saarländischen Identitätskarte und dem franz. Erlaubnisschein für Saarländer.
Auch auf die Frage, wie er als Schüler zu derartigen Ausgaben in der Lage war, gab Regitz eine Antwort: Er habe Schulgeld für sein Internat abgezweigt, seine Mutter habe ihm das gesamte vierte Quartal ausgehändigt. Die Reisekosten, die insgesamt 250 frcs. ausmachten, trugen wir gemeinsam d.h. ich steuerte 225 frcs. bei und die restlichen 25 frcs. gab die Schallmo. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurde ich von der Schule verwiesen.

Diejenigen, die ihn verhörten, glaubten ihm. Sie hatten andere, gewichtigere Dinge mit Gustav R. zu regeln.