Leseprobe „Krümel unterwegs“
Auf einer großen Wolke im Himmel saßen drei Engel, die hießen Volanta, Lumidor und Klang.„O sole mio“, schmetterte Klang.
„Sei still“, sagte Lumidor. „Du gehst mir auf die Nerven.“
„Autsch“, schimpfte Volanta, die eine Socke für Den Alten Meister stopfte. „Könnt ihr nicht mal eine Minute still sitzen? Jetzt habe ich mir in den Finger gestochen.“ Sie steckte sich den Finger in den Mund und leckte das Blut ab.
„He, Freunde, was ist denn das da drüben?“, rief Klang. „Da kommt ja ein Neuer! Hallo! Hallo!“
Klang war aufgesprungen und winkte heftig in Richtung einer kleinen weißen Wolke, die mit großem Tempo herangesegelt kam. Auf der Wolke saß ein kleiner Engel und gähnte. Er rieb sich die Augen und streckte sich.
„Vorsicht!“, rief Klang. „Pass’ auf!“
Aber da war es schon passiert. Die kleine Wolke war mit der großen zusammengestoßen. Alle Engel fielen hin und es gab ein großes Durcheinander.
„Tschuldigung“, murmelte der neue Engel. „Tut mir wirklich leid.“ Er bewegte vorsichtig seine Flügel, die noch ganz feucht und zerknittert waren.
„Du Dummkopf“, schimpfte Klang. „Du hast wohl noch nie etwas von den Wolkenverkehrsregeln gehört.“
„Nein“, antwortete der neue Engel.
„Jetzt reg’ dich nicht so auf“, sagte Volanta. „Du siehst doch, der ist neu hier.“ Sie drehte sich zu dem neuen Engel um und fragte ihn: „Wie heißt du denn?“
„Keine Ahnung“, antwortete der neue Engel.
„Das sieht dem Alten Meister mal wieder ähnlich“, nörgelte Klang. „Dauernd schickt er uns neue Leute, und dann vergisst er, ihnen einen anständigen Namen mit auf den Weg zu geben.“
In diesem Augenblick hatte es zu schneien begonnen. Es schneite aus der großen Wolke, auf der die drei großen Engel saßen, und es schneite aus der kleinen Wolke, auf der der kleine Engel saß. Es schneite nicht gerade viel, denn es war der erste Schnee des Jahres. Genau genommen waren es nur ein paar Krümel.
„Das könnte mehr sein“, sagte der größte Engel Lumidor bedächtig. Er sah den Schneeflocken hinterher, die zur Erde trieben. Dann sah er den neuen Engel an.
„Du bist noch ziemlich klein. Wenn Der Alte Meister dir noch keinen Namen gegeben hat, dann nennen wir dich Krümel.“
Er gab dem kleinen Engel die Hand und half ihm, von seiner kleinen Wolke auf die große rüber zu springen.
„Setz dich lieber hin, bevor du noch einen Unfall baust.“
(...)
Krümel sah nach unten. Ihm wurde schwindelig. Er war noch nie geflogen. Vorsichtig machte er seine Flügel auf. Sie knisterten.
„Mach’ schon“, riefen die kleinen Engel. „Es ist ganz leicht!“ Krümel machte die Augen zu und sprang los. Dann blinzelte er vorsichtig. Tatsächlich! Er schwebte!
„Hurra, ich fliege!“, schrie Krümel.
„Komm’ runter“, riefen die kleinen Engel.
„Ich weiß nicht, wie!“, antwortete Krümel.
„Klapp’ die Flügel zusammen!“, kommandierte einer der kleinen Engel.
Krümel klappte die Flügel zusammen. Sofort raste er in steilem Sturzflug nach unten. „Hilfe!“, rief Krümel, denn der Boden kam immer näher.
„Aufmachen!“, schrieen die kleinen Engel.
Krümel machte seine Flügel wieder auf, er wurde langsamer und dann machte es „Bum“. Krümel war mit dem Kopf zuerst auf der Wiese gelandet. „Aua“, sagte Krümel.
Die drei kleinen Engel lachten und klatschten vor Vergnügen.
Dann kam einer zu ihm. Es war ein Engelmädchen mit roten Haaren und Sommersprossen. Sie grinste, und Krümel sah, dass sie eine Zahnspange trug. „Ich bin Vanilli“, sagte sie. „Das mit dem Fliegen geht allen so. Beim ersten Mal fallen alle auf die Nase.“